Welche Veränderungen auftreten können

Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod. Im Sterben geht der unverwechselbare persönliche Lebensweg eines Menschen zu Ende. Es gibt kein Durchlaufen von Sterbephasen in einer bestimmten Reihenfolge, wie man dies lange Zeit vertreten hat. Viele Hinweise auf mögliche Reaktionen eines Menschen ergeben sich vielmehr aus seiner Lebensgeschichte. So können Angehörige und Freunde, die die Vorlieben wie auch die Abneigungen des Sterbenden kennen, ihm auf seinem letzten Weg manchmal besser helfen als "Fremde", mögen diese auch fachlich noch so kompetent sein. Bei den "Seinen" fühlt sich der Sterbende gut aufgehoben und verstanden. Oft ist er noch bis wenige Stunden vor seinem Tod ansprechbar.

 

Trotzdem ist es auch für die Angehörigen gut zu wissen, welche Veränderungen des Sterbenden auf ein baldiges Lebensende hinweisen können. Es sind nur Anhaltspunkte, die so nicht in jedem Fall auftreten müssen.

 

Es lassen sich einige allgemeine Veränderungen im Verhalten der Kranken nennen:

Die weiteren körperlichen Veränderungen, die auf den nahen Tod hinweisen können, lassen sich noch genauer beschreiben.

 

Im Bewusstsein lässt sich ein Wandel feststellen:

Der Kreislauf verändert sich:

Im Atmen ist eine Veränderung festzustellen:

Hunger und Durst lassen nach:

Im Stoffwechsel sind Veränderungen wahrnehmbar:

Wie viel Zeit bleibt noch? Diese Frage wird häufig gestellt, wenn sich die genannten Veränderungen einstellen. Eine genaue Antwort darauf kann niemand geben. Es gibt allerdings einige - aus der Erfahrung gewonnene - Anzeichen, die darauf hindeuten, dass der Tod unmittelbar bevorstehen könnte:

Wenn Herzschlag und Atem aufhören, tritt der Tod ein. Auf den anscheinend allerletzten Atemzug können manchmal noch ein oder zwei weitere folgen.

 

Ob ein Mensch sein Sterben akzeptiert hat oder nicht - oft gibt es schon vor dem Tod einen Zeitpunkt, an dem er seinen Frieden findet. Manchmal tritt diese Wandlung auch erst in den letzten Augenblicken des Lebens ein. Eine Wandlung, die wir nicht erklären oder verstehen, sondern nur erahnen und auf dem Gesicht des Verstorbenen wahrnehmen können. Eine Wandlung, die ihn über Ängste und Verzweiflung, die vielleicht bis zu diesem Zeitpunkt bestanden, hinüberhebt. Mühselige Kämpfe, unsagbar schweres Loslassen liegen hinter dem sterbenden Menschen und geben einem Ausdruck von Frieden und Gelöstheit Raum. In den meisten Situationen wird der Augenblick des Todes viel ruhiger erlebt als zuvor befürchtet.

 

Manche Angehörigen sind gerade im Augenblick des Todes nicht bei ihrem Sterbenden und haben dann das Gefühl: "Jetzt habe ich ihn/sie im Stich gelassen, gerade im wichtigsten Moment habe ich ihn/sie allein gelassen! Warum bin ich nicht doch noch geblieben? Warum habe ich denn nicht gespürt, dass das Ende naht?" Es geschieht öfter, dass ein Sterbender genau in dem Moment geht, in dem er alleine ist. Vielleicht fällt es ihm so leichter, sich von dieser Welt und von den geliebten Menschen zu lösen? Nur manchmal wird es uns geschenkt, dabei zu sein und im friedlich, entspannten Gesicht des Sterbenden im Augenblick des Todes etwas von der Welt zu erahnen, in die hinein er von uns geschieden ist.

 

Wie sich die Sprache verändern kann

"Ich komme gerade aus dem Wald", sagt die sterbenskranke Frau, "ich habe etwas gesucht". Natürlich lag die Patientin die ganze Zeit in ihrem Bett und doch war sie in ihrem Inneren woanders. "Ich weiß nicht, ob ich hier in diesen Raum gehöre oder in den anderen", sinniert der Schwerkranke

 

Manche Menschen können in der Nähe des Todes, in ihren letzten Wochen und Tagen "noch hier" und zugleich "schon woanders" sein. Ihre Welt scheint "ver-rückt". Andere wieder sind bis zuletzt bei klarem Bewusstsein oder dämmern nur noch vor sich hin.

 

Es ist schwer für die Umstehenden, den vertrauten Menschen so verändert und unverständlich zu erleben. Sie möchten am liebsten den Kranken aus seiner Welt herausführen. Wir neigen dann zu Appellen an die Vernunft: "Das hast du nur geträumt". Oder wir machen uns über die Aussagen des Patienten lustig, wollen seine Gedanken und Gefühle verscheuchen oder überhören die "peinlichen" Ideen. Dabei übersehen wir, dass Sterbende dann einer inneren Wahrheit ausgeliefert sind, die für Außenstehende nur schwer zu verstehen ist.

 

Bei Menschen in Krisenzuständen ist die logische Aufteilung der Welt in "innen/außen", "hier/dort", "ich/du", die wir in früher Kindheit auch erst lernen mussten, gelockert, die Kontrolle ist ausgeschaltet, ohne den üblichen Filter der Höflichkeit, der Logik, des Schutzes der Intimität. Sie erkennen nicht, dass ihr inneres Erleben der Außenwirklichkeit nicht entspricht. Es ist also sinnlos, sie erziehen und der Unwirklichkeit überführen zu wollen. Im Gegenteil: Patienten haben das Recht auf ihr Erleben, ihre vermeintlich verrückten Bilder. Und: sie sind darauf angewiesen, mit ihren Bildern ernstgenommen zu werden.

 

Natürlich ist das bei "schönen" Bildern ("... war gerade im Wald"; "... habe mit meinem Bruder gesprochen" - der schon lange verstorben ist) leichter als bei Bildern, die vom Sterben symbolisch, aber deutlich sprechen: "die Koffer sind gepackt", "ich will jetzt heim", "ich habe meinen Sarg stehen sehen". Solche Aussagen werden oft zu schnell als "Verwirrung" und damit als wertlos gedeutet.

 

Nochmals schwieriger sind mystische Visionen oder Gedanken voller Angst, die sich wie Alpträume anhören, aus denen der Patient nicht auszusteigen vermag ("die Vögel fliegen hier überall herum, die machen alles durcheinander"; "und dann ziehen die und ziehen" - wer? die schon Verstorbenen der Familie? oder böse Geister? - "ich bin im Feuerofen, da brennt alles"). Gerade im Familienkreis ist es oft besonders erschreckend, den Vater, die Mutter, den Sohn so verändert zu erleben. Die geliebte Person möchte man doch "normal" haben, man möchte mit ihr wichtige Gedanken austauschen und ihr Sterben in guter Erinnerung behalten. Die Konsequenz besteht dann häufig darin, dass der Kranke in seinem Alptraum gefangen bleibt. Daher ist es wichtig, dass Helferinnen und Helfer von außerhalb der Familie dem Sterbenden begegnen. Sie können dessen Erleben "leichter" zulassen, begleiten und zu den nächsten Verwandten hin vermitteln.

 

In dieser Situation kommt es darauf an, sich auf die Gedanken und Gefühle des Kranken einzulassen und ihm zu helfen, sich auszudrücken, z.B. durch "aktives Zuhören" oder durch verstehende Wiederholung seiner Äußerungen. Moralische Wertungen und populärpsychologische Symboldeutungen helfen dem Patienten nicht. Wir wissen heute, dass manches fremdartige Erleben des Patienten auch physiologisch, rein medizinisch zustande kommt, z.B. durch Fehlleitungen im Gehirn.

 

Lassen Sie sich auf die Gedanken des Patienten ein wie auf das Spiel eines Kindes. Wenn man die Ideen und "Phantasien" sich entfalten lässt, werden auch bedrohliche Inhalte und Gefühle darin nicht etwa schlimmer und dramatischer, sondern der Gefühlsstrom und Streß im Patienten lässt eher nach. Also ruhig auf die Gefühle eingehen: "und wie ist das?"; "und das macht Angst?"; "ist das schön?"; "ja, die sind schlimm". Oft steckt in den Erlebnisbildern des Patienten (den Engeln; den dunklen Gestalten; "meiner Mutter"; "der Oma" etc. ) ein hilfreiches Potential, das der Begleiter aufgreifen und bestärken kann. Offensichtlich ist das Sterben nicht nur einsam. Die Patienten haben auch innere Helfer!

 

Die Umstehenden, die Begleiter, sie müssen nicht alles verstehen und deuten können. Wichtiger ist "die Sprache der Beziehung, des Daseins". Gesten, Berührungen, ein "Ja-Ja", wie man den Patienten bettet, wie man kommt oder geht - das alles "sagt" oft mehr als inhaltsreiche Worte. Die "Seele" hört und versteht, wie es gemeint ist, auch wenn der Kopf es nicht wie gewohnt verarbeiten kann. Auch Töne, Gerüche, Haltungen, sogar Schweigen (wenn es nicht eine blockierte, von Angst bestimmte Sprachlosigkeit ist), die Schwingung in der Stimme, der Zuspruch, der Blickkontakt kommen im Innern des geliebten Menschen an, davon dürfen wir ausgehen.

 

So enthalten auch Rituale - kleine und große - wie das Kreuzzeichen auf die Stirn, das Anzünden einer Kerze oder ein Stoßgebet - bis hin zur Krankensalbung eine Sinngebung, ohne dass es des logischen und genauen Besprechens der Situation bedarf. - Eigentlich ist das Schwere, wenn man es einfach gelten läßt und man den Patienten nicht "irgend-wohin-kriegen" will, ganz leicht.

 

Welchen Trost die Seele des Sterbenden braucht

Körperliche Veränderungen sowie Veränderungen im Sprechen und in der non-verbalen Kommunikation kündigen den nahen Tod an. Tut dies auch die Seele des Sterbenden? Wie macht sie uns auf den zu erwartenden Abschied aufmerksam?

 

Wir wissen zu wenig darüber, um qualifiziert Auskunft geben zu können. Aus Erfahrung wissen wir aber, was der Seele eines Menschen in seinen letzten Stunden gut zu tun scheint; was sie braucht, um in Frieden Abschied nehmen zu können.

 

Für das Trostspenden am Sterbebett gilt in besonderer Weise, dass es sehr behutsam und einfühlsam vorgenommen werden muß. Will man das Innerste, die Mitte eines Menschen ansprechen und trösten, dann kann dies nur in Ehrfurcht geschehen, nicht aus der Position des Überlegenen, des Starken, des Besserwissenden. Nur die Haltung der Ehrfurcht wahrt das Geheimnis und damit die einmalige Würde dieses Menschen.

 

Es gibt unter Männern Zeichen von Trost, die sehr behutsam sind. Da legt einer dem anderen die Hand auf die Schulter und sagt: "Tut mir leid, alter Junge, das hattest du nicht verdient." Er will ihm nicht zu nahe treten, er nimmt ihn nicht in den Arm, um ihn wie ein kleines Kind zu trösten, obwohl dem anderen vielleicht die Tränen der Trauer in den Augen stehen. So sollen wir auch am Sterbebett trösten, den anderen groß sein lassen und uns die Zeit für ihn nehmen.

 

Was der sterbende Mensch zu Lebzeiten geglaubt, gehofft und geliebt hat, welche Einstellungen und Haltungen er in religiösen Fragen gewonnen und wie er diese im Alltag des Lebens "gelebt" hat, das muss in unserem Trösten geachtet und gewürdigt werden. Wie dies in der konkreten Situation geschehen kann, wird uns häufig der Sterbende selbst noch "wissen lassen". Es bedarf dazu vor allem eines "hörenden und verstehenden Herzens", das aufnimmt, was in dem, der unseren Trost nötig hat, vor sich geht.

 

Fragen Sie sich, welchen Trost der Sterbende vielleicht noch erwartet:

 

Trösten erfordert einen Raum der Stille; es geschieht in leisen Tönen und behutsamen Gesten

Dies gilt erst recht in der Stunde des Todes:

Es kann tröstlich sein, im Sterben nicht allein zu sein. Möglicherweise aber signalisiert uns der Sterbende auch, dass er jetzt allein sein möchte. Wir haben das zu respektieren. Vielleicht kann er so leichter gehen.

Wir dürfen aber gewiss sein, dass kein Mensch im Sterben allein sein wird (auch wenn wir nicht bei ihm sind). Eine "andere" Gemeinschaft erwartet ihn schon. Und manchmal werden wir am Sterbebett Zeugen dieses Empfangs durch Freunde und Angehörige, die ihm schon vorausgegangen sind.