Medizinische Probleme im Vordergrund
Wenn die Symptome der Krankheit zu einer unerträglichen Qual werden, dann sind die Not, die Sorge und Angst für alle Beteiligten sehr groß.
- Wie können wir Vorsorge treffen?
- Bei wem und wo finden wir Rat und Hilfe?
- Wann und wie sind diese Dienste erreichbar?
Wie die moderne Schmerztherapie wirkt
Sehr viele Menschen haben Angst vor starken Schmerzen. Krebs im fortgeschrittenen Stadium, aber auch andere Erkrankungen können starke Schmerzen verursachen. Solche Schmerzen müssen nicht sein. Moderne Therapieverfahren können den meisten dieser Patienten die Schmerzen nehmen oder zumindest erträglich machen.
Morphin ist das bekannteste der stark wirksamen Schmerzmittel, der sogenannten Betäubungsmittel. Schon der Begriff deutet an, warum sich manche Patienten auch heute noch mit der Verwendung dieser hochwirksamen Medikamente schwertun. Sie fürchten Sucht und Gewöhnung, raschen Verlust an Wirksamkeit mit der Notwendigkeit einer immer höheren Dosierung und vor allem Beeinträchtigung der geistigen Wachheit und der Kommunikationsfähigkeit.
Wir wissen heute, dass diese Ängste und Vorurteile unbegründet sind. Morphin und verwandte Substanzen (sog. Opioide) können bei Schmerzpatienten über lange Zeiträume gegeben werden, ohne dass eine Sucht entsteht. Ganz zu Beginn einer Therapie mit Opioiden klagen manche Patienten über stärkere Müdigkeit. Diese ist aber oft eher Ergebnis der erwünschten Wirkung (Schmerzlinderung) als eine Nebenwirkung. Um der zu Beginn der Schmerztherapie auftretenden Übelkeit vorzubeugen, wird in den ersten Tagen eine Begleitmedikation gegeben.
Eine wichtige dauerhafte Nebenwirkung von Opioiden darf allerdings nicht vergessen werden: Verstopfung. Die Patienten müssen deshalb regelmäßig milde Abführmittel einnehmen. Bei manchen führen auch bewährte Hausmittel wie Joghurt oder Buttermilch, Leinsamen und Milchzucker zum Erfolg. Falls der Patient länger als zwei Tage keinen Stuhlgang hat, muss der Hausarzt informiert werden.
Sehr wichtig ist es, die Schmerzmittel richtig anzuwenden. Sie müssen regelmäßig zu festen Zeiten genommen werden, meistens als Retardtabletten (d. h. die Wirkung hält bis zu 24 Stunden an). Für jeden Patienten muss seine individuelle Dosis herausgefunden werden, die immer wieder der Schmerzstärke angepasst werden muss. Außerdem ist immer ein schnellwirksames Präparat zusätzlich als Bedarfsmedikament vorzuhalten, damit rasche Schmerzlinderung auch bei plötzlichem Auftreten von Schmerzen möglich ist.
Wenn Patienten ihre Tabletten nicht regelmäßig einnehmen können, weil sie beispielsweise unter Erbrechen leiden oder weil Schluckstörungen vorliegen, können Schmerzmittel auch über sogenannte Schmerzpflaster verabreicht werden. In besonderen Fällen schaffen leicht bedienbare Schmerzpumpen Abhilfe: Dabei wird das Medikament mittels einer dünnen Nadel kontinuierlich in das Unterhautfettgewebe verabreicht. Solche Pumpen stellen auch ambulante Hospiz- und Palliativeinrichtungen (wie z. B. das Mainzer Hospiz) zur Verfügung.
Nicht alle Tumorschmerzen können wirksam bekämpft werden – aber die meisten. Deshalb hat jeder Patient ein Recht auf die bestmögliche Schmerztherapie. Sofern Ihr Hausarzt diese Therapie nicht selbst durchführt, sollten Sie ihn bitten, sich mit einem Spezialisten, z. B. einem Palliativmediziner, oder einer Schmerzambulanz in Verbindung zu setzen. In fortgeschrittenen Krankheitsstadien können Sie sich an die Fachkräfte der ambulanten Hospiz- und Palliativeinrichtungen wenden, die Sie beraten oder auch zu Hause besuchen.
Wo Sie Rat und Hilfe bei Komplikationen finden
Je weiter ein Tumorleiden fortschreitet, desto eher können Krisensituationen auftreten. Nur allzu oft führen solche Situationen dazu, dass Patienten in den letzten Tagen ihres Lebens doch noch ins Krankenhaus eingewiesen werden. Es hilft dem Patienten und denen, die ihn betreuen, sehr, sich innerlich auf solche Möglichkeiten einzustellen.
Vor allem sollte versucht werden, sich schon vorher über die eigenen Wünsche Klarheit zu verschaffen:
- Möchte ich wirklich noch einmal ins Krankenhaus?
- Möchte ich lebensverlängernde Maßnahmen?
- Oder möchte ich in Ruhe gelassen werden und in Frieden sterben?
Die Erfahrung zeigt, dass es für alle Beteiligten, insbesondere für den Patienten selbst, sehr erleichternd sein kann, darüber sprechen zu dürfen, die eigenen Wünsche und Vorstellungen zu äußern, sich ernst genommen zu fühlen. Wenn der Arzt eine Einweisung ins Krankenhaus verfügt, sollte so weit wie möglich klar sein, dass ein dringendes Problem vorliegt, das nur im Krankenhaus behandelt werden kann. Argumente wie „Wir wollen nichts versäumen!" oder „Wer soll die Verantwortung übernehmen?" sollten nicht ausschlaggebend sein.
Die Klärung dieser Fragen sollten Sie nicht so lange vor sich herschieben, bis die Notsituation eingetreten ist. Sprechen Sie in aller Ruhe und Offenheit rechtzeitig mit dem Arzt darüber. Die Abfassung einer Patientenverfügung und einer Vorsorgevollmacht oder Betreuungsverfügung kann dabei sehr hilfreich sein.
Besprechen Sie mit Ihrem Hausarzt, wie Sie ihn auch außerhalb der Sprechstunde im Notfall erreichen können. Für den Fall, dass Ihr Hausarzt oder sein Vertreter einmal nicht erreichbar sind, sollten Sie sich die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes bereitlegen. Für eine solche Notfallsituation sollte immer ein Arztbrief in der Wohnung vorhanden sein, damit sich der ärztliche Notdienst rasch orientieren kann.
In Mainz gibt es einen Pflegenotruf, über den Sie nachts bei akuten Pflegeproblemen (z. B. durchgebluteter Verband, herausgerutschter Blasenkatheter) Hilfe erhalten können. Wenn die genannten Dienste nicht ausreichen, um die gewünschte Versorgung zu Hause zu gewährleisten, haben gesetzlich krankenversicherte Bürger Anspruch auf eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). In der SAPV steht auch eine 24-Stunden-Rufbereitschaft zur Verfügung.
Was man in Krisensituationen tun kann
Im Folgenden sollen einige Probleme genannt werden, die zu Krisensituationen führen können. Das heißt aber nicht, dass sie bei jedem oder gar alle bei jedem auftreten! Es ist jedoch beruhigend, sich vorausschauend zusammen mit dem Hausarzt darauf einzustellen, wie auf eine solche Situation zu reagieren ist.
Schmerzen: Für akut auftretende Schmerzen muss zusätzlich immer ein schnell wirksames Schmerzmedikament vorhanden sein. Morphin wird in der Regel als Präparat verordnet, das über einen langen Zeitraum wirksam ist, steht jedoch in schnell wirksamer Form auch als Tabletten, Zäpfchen, Tropfen oder Injektion zur Verfügung.
Unruhe- und Erregungszustände: Grundsätzlich sollte immer nach einer behebbaren Ursache geforscht werden: z. B. eine überfüllte Harnblase, Fieber, Medikamentennebenwirkungen. Falls der Arzt keine behebbare Ursache findet, können beruhigende Medikamente (z. B. Lorazepam-Schmelztabletten oder Diazepam-Zäpfchen) helfen. Diese sollten deshalb bereitliegen.
Rasselatmung: Manche Patienten können in den letzten Tagen des Lebens nicht mehr richtig abhusten. In den Luftwegen sammelt sich dann Schleim, der zu rasselnder Atmung führt. In der Regel beängstigt das die Angehörigen mehr als den sterbenden Patienten. Medikamente, die die Schleimabsonderung in den Atemwegen hemmen (z. B. Scopolamin-Pflaster), leisten wirksame Hilfe.
Atemnotanfälle: Atemnotanfälle können Patienten und Angehörige in große Angst und Not versetzen. In vielen Fällen gelingt es jedoch, die Spirale von Atemnot – Angst – noch mehr Atemnot zu durchbrechen, indem man Ruhe bewahrt, den Patienten aufrichtet und mit Kissen stützt, für frische Luft sorgt (ein Ventilator leistet dabei gute Dienste). Das Medikament der Wahl gegen Atemnot ist Morphin, das neben seiner schmerzstillenden Wirkung sehr gut gegen Erstickungsgefühle hilft.
Austrocknung: Viele Patienten können in den letzten Tagen des Lebens keine Flüssigkeit mehr zu sich nehmen. Ihr Durstgefühl lässt sich durch eine gute Mundpflege jedoch fast immer beheben. Nur in seltenen Fällen wird es in dieser Situation erforderlich und sinnvoll sein, zu Hause Infusionen zu geben.
